Was ist das? (...2)
Liebe Suisekifreunde, dieses Mal erhalten Sie meines Erachtens einen ganz besonderen persönlichen Beitrag von unserem Mitglied Herrn Sandro Tschudin aus der Schweiz. Seine Ausführungen, die auf persönliche Erfahrungen und Eindrücken bzw. Gedanken beruhen, zeigen die emotionale Dimension unseres „Hobby“ Suiseki auf, die unser Leben bereichern kann. Naturerlebnis und Spiritualität liegen dabei dicht beieinander und öffnen für dafür empfängliche Menschen eine neue Lebenserfahrung. Das Besondere von Suiseki wird überzeugend nachvollzogen bzw. herausgestellt. Evtl. haben Sie schon ähnliche Überlegungen angestellt bzw. Ähnliches bei Ihrer Beschäftigung mit Steinen/Suiseki empfunden. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre. Mit besten Grüßen Gudrun Benz

Persönliche Gedanken zum schönsten „Hobby“ der Welt – eine Liebeserklärung

Sandro Tschudin

„Du sammelst Steine? Was für Steine? Du meinst Mineralien?“ So oder ähnlich klingt es doch häufig, wenn wir versuchen einer Person zu beschreiben, was wir mit Hingabe pflegen: Suiseki. In solchen Momenten widerstrebt es mir, meine Beschäftigung mit Suiseki als „Hobby“ zu be- zeichnen. Doch welcher Aussenstehende kann schon nachvollziehen, welche Dimensionen sich mit dem Sammeln, dem Reinigen, dem Präsentieren und Pflegen von ausgewählten Steinen eröffnen? Schon gar nicht lässt sich einfach erfassen, welch Auswirkungen diese Leidenschaft auf meine Persönlichkeit hatte und hat! Nein, Suiseki ist mehr. Suiseki ist eine Schule des Auges und des Geistes. Ein Weg. Betrachte ich meine Sammlung aus vornehmlich schweizerischen und italienischen Steinen, dann vermag es jeder Stein, mich an den Ort und in die Zeit zurückzubringen, als ich ihn fand. Der Moment des Findens ist überwältigend! Nachhaltig bleibt er als wohlbehütete Erfahrung zurück, da man für einen guten Stein viele an- strengende Kilometer gelaufen ist, geschwitzt hat und seine volle Aufmerksamkeit auf die Natur gerichtet hat. Tanseki fordert dein gesamtes Wesen! Wer Pilze sammelt, hat es (hoffentlich) auch schon selber erfahren; das Auge muss in der ersten halben Stunde eingestimmt werden. Sich auf die Umgebung einlassen, den Kopf ausschalten und die Intuition walten lassen. Plötzlich „läuft man richtig“. Ein inneres, schwer zu beschreibendes „Ziehen“ übernimmt das Denken, und die Erfolge stellen sich ein. Beim Tanseki würde ich es als „Hineinfühlen in die Erde“ bezeichnen. Die dünne Haut aus ‘Erde durchdringen. Wir alle laufen auf Fels. Immer. Hier! Endlich: Eine vielversprechende Spitze, eine sanfte Bewegung im Material—mein Herz nimmt einen Sprung! Schon das Bergen des Steins aus der Erde ist fantastisch! Ich habe dann jeweils den „Tunnelblick“ und nehme nichts sonst mehr wahr als den Schatz, den ich in Händen halte! Was für ein Geschenk—ich darf der erste Mensch in der Geschichte der Menschheit sein, der diesen Stein berührt! Mit Feuereifer drehe und wende ich den Stein, um ihn erfassen zu können. Das ist Schatzsuche und Gnade in einem! Auf den Knien bin ich dank des Grabens schon. Dieser Stein hat all die tausenden Jahre auf mich gewartet. Durch alle geologischen Veränderungen der Landschaft hindurch erschaffen und durch Erosion herausgeformt, nahm er hier seinen Sitz scheinbar ohne Zweck. Soviel unnötige Schönheit wäre auch da, ohne das Entdecken durch einen Menschen. Ich fühle die Schöpfungskräfte und danke dem Ort. Stammt der Stein aus dem Fluss, dann weide ich meine Augen an der natürlich entstandenen Patina. Bald meldet sich jedoch der Verstand zurück:   Welche Proportionen hat er? Gibt es ein verborgenes Detail? Wie ist die Standfläche? Hat er Fehlerstellen? Muss ich mich hierbei selber überzeugen, dass sie nicht so schlimm sind? Keinen Kompromiss eingehen, ist manchmal schwer. Ist der erste intensive Moment dem klareren Verstand gewichen und der Stein besteht auch die an- schließende kritische Betrachtung nach Härte des Materials, Farbe, Ausgewogenheit und Assoziativkraft, dann wird er sorgfältig eingewickelt im Rucksack verstaut. Süsses Gewicht am Rücken, endlich bin ich angekommen und habe mich als würdig erwiesen. Die Umgebung scheint mir nun lebendiger und intensiver. Auf Schritt und Tritt kann es wieder passieren! Ich nehme mit neuer Wachsamkeit die Orchidee neben dem Bergbach wahr oder sehe das grasende Reh in der Ferne. Erfüllt trete ich nach einem spannenden und anstrengenden Tag die Heimreise an. Wie viele Steine ich heute wohl berührt habe? Ein einziger guter Fund ist Lohn genug. Das Reinigen der Steine ist ebenfalls sehr befriedigend. Ich entdecke die Steine neu—finde verborgene Details wie Bergbäche aus Quarz, oder Täler erweisen sich tiefer als erhofft, und die Flanken der Hänge zeigen ihre besondere Zeichnung. Manchmal erwartet mich eine herbe Enttäuschung, wenn der Lehm eine fehlerhafte Stelle kaschiert hatte oder eine Flanke geformt hat, die nun ganz anders wird. Der Traum von perfekten Stein geht weiter. Wichtig scheint mir, dass wir die Bereitschaft zum Dialog mit dem Stein entfalten und beginnen, die ersten bewussten Schritte mit ihm zu gehen. Wie kurz muss ihm unser Begleiten erscheinen! Es ist jedes Mal ein Erlebnis, wenn der Stein erwacht und anfängt zu leben. (Ich höre die Leute fragen: „Du besitzt lebende Steine?“ Wir verstehen uns…) Dies geschieht recht deutlich, wenn er etwa ein Jahr mit kalkfreiem Wasser gewässert wurde. Hier ist häufig ein Punkt der Umkehr zu erkennen, wenn vorher die Beziehung zum Stein durch Arbeit meinerseits geprägt war, fängt er allmählich an zu geben. Dieser Effekt verstärkt sich in der Zeit des Einpassens in einen Daiza. Durch das Berühren des Steines entwickelt sich sein innewohnender Zauber. Ich würde es fast als „Kraftfeld“ bezeichnen, das anfängt zu wirken. Unaufdringlich und doch unwiderstehlich. Wie oft habe ich schon über einen wirklich guten Stein in einer Ausstellung gestaunt, der durch seine Präsenz, seine Strahlkraft einen ganzen ‘Raum in Beschlag nehmen konnte! Die Patina beschreibt nur den äusseren Zustand des Steines, sein erwecktes Wesen ist bereit, erkundet zu werden. Mit Recht kann man nun von einem Suiseki sprechen.   Ein besonderer, verehrungswürdiger Stein, fast schon ein Freund, der nichts ver-langt und doch so unschätzbar viel gibt: nichts weniger als das Universum selbst. Falls Sie, liebe Leser, in einen offenen Meinungsaustausch mit Herrn Tschudin treten möchten, können Sie ihn unter der E-Mail-Adresse sandro.tschudin@gmail.com kontaktieren.
Titelfoto: Schöner Gebirgsstein auf einem Aufbewahrkästchen aus weißem Ebenholz mit beeindruckender natürlicher  Maserung aus der Sammlung von Sandro Tschudin

Suiseki in Indonesien

Suiseki-Ausstellung im Oktober 2014 in Bandung, Java

Gudrun Benz

Wie schon in Ausgabe 3,2014 erwähnt, fand im Oktober 2014 die „Grand Indonesian Bonsai & Suiseke Exhibition“ statt, wobei auch ca. 200 Suiseki von Mitgliedern der Indonesischen Suiseki- Gesellschaft ausgestellt waren. Indonesien ist dank der Vulkantätigkeit auf vielen Inseln des lang-gestreckten Archipels reich an metamorphen Gesteinen, insbesondere dunklem Basalt und anderen meist bräunlichen Vulkange- steinen. Da das Land in der tropischen und subtropischen Klimazone mit starken Regenfällen liegt, wurde das Gestein durch schnell fließende Flüsse über einen langen Zeitraum glattgeschliffen mit teils interessanten Form. Obwohl die Suisekibewegung in Indonesien noch recht jung ist, erfreuen sich Steine aus Indonesien wachsender Beliebtheit auch in anderen Ländern wie Taiwan oder Japan, u.a., da sie preislich günstiger sind als außergewöhnliche chinesische Steine, die in den letzten Jahren sehr teuer geworden sind. Bei der Jubiläumsveranstaltung in Bandung fanden am 12. Oktober zwei Vorträge über Suiseki bzw. die Steinverehrung statt. Herr Paiman, Präsident der Indonesischen Suisekigesellschaft, sprach am Vormittag über Suiseki als Kunstform und ihre unterschiedliche Ausprägung entsprechend geographischen und kulturellen Gegebenheiten sowie persönliche Erfahrungen mit Suiseki. Der Vortrag von BCI-Präsident Tom Elias am Nachmittag war mit „The Asian Art of Stone Appreciation. From China & Japan to the Present“ (Die asiatische Kunst der Steinverehrung. Von China & Japan bis heute) überschrieben und bezog sich auf die geschichtliche Entwicklung der Steinverehrung. Herr Paiman hatte einige Suiseki als Beispiele mitgebracht. Zunächst versuchte er eine Definition von Suiseki. Für ihn ist es die Kunst des Entdeckens/Erkennens. Sie ist von der Vorstellungskraft des Einzelnen abhängig.  Die Vorstellungskraft ist abhängig von der Erziehung bzw. Bildung, den Erfahrungen und dem kulturellen Hintergrund. Anfänger bevorzugen meist Objektsteine, wie z. B. figürliche Steine. Die Schönheit der Form bei abstrakten Steinen ist schwieriger zu erfassen. Eine Präsentation sollte seiner Meinung nach einfach sein und nach dem Motto „Zurück zur Natur“ erfolgen. In Japan wurde Suiseki durch den Buddhismus beeinflusst, wo die innere Schönheit, die Erhaben- heit wichtig sind bzw. im Vordergrund vor der äußeren Schönheit stehen. In Japan werden daher z. B. einfache Landschaftssteine wie einfach geformte Gebirgssteine von dunkler Farbe bevorzugt. In China sind die geografischen Gegebenheiten mit steil abfallenden Felsgipfeln anders als in Japan. Als Beispiel kann das Gelbe Gebirge (Yellow Mountains) genannt werden mit seinen spektakulären Granitgipfeln. Es gibt mehrere heilige Berge in ‚China, auf deren Gipfel Tempel errichtet worden sind, die der Meditation und Selbstfindung bzw. Finden des inneren Friedens dienen sollen. Die Steinverehrung in China ist außerdem durch die Malerei und die Dichtung (Literatur) beeinflusst, wobei die Kunst der Andeutung im Vordergrund steht im Gegensatz zum Streben nach Perfektion des Westens. Die Religion gehört zum kulturellen Hintergrund eines Menschen. Auch die Religion beeinflusst das Kunstverständnis bzw. bestimmte Vorlieben. Der Islam verbietet z. B. die bildliche Darstellung von Personen. Daher wird ein Muslim nicht die Vorliebe für figürliche Suiseki vieler Steinliebhaber teilen. In Korea gilt das Anfeuchten von Steinen als eine Möglichkeit, die Schönheit eines Steines hervor- zuheben. Die Stimmung, die z. B. ein Gebirge nach einem Regen erzeugt, kann damit „nacherlebt“ werden. Herr Paiman ging kurz auf die unterschiedliche Terminologie für Steine in verschiedenen Ländern ein. In China kennt man die Bezeichnung Gongshi (Gelehrtensteine), was soviel bedeutet wie Steine auf einem Tisch zur Meditation und Erbauung (→ spirit stones). Heutzutage benutzt man in China als allgemeinen Begriff Shang-shi, der auch Wüstensteine (Gobisteine oder Fengli) einschließt, die vor allem durch Sand (-stürme) geformt worden sind. Der in Taiwan verwendete Name Yashi bedeutet eleganter Stein.   Die japanische Bezeichnung Suiseki weist auf die Formung der Steine durch Wasser hin. Die koreanische Bezeichnung Suseok bedeutet langes Leben. In den USA sind die beiden Begriffe viewing stones oder ornamental stones üblich. (Wir in Europa benutzen Suiseki, wie übrigens auch die Indonesier, als Sammelbegriff, was im Grunde nicht korrekt ist, da Suiseki japanische Steine bezeichnen.) Der Vortrag „The Asian Art of Stone Appreciation. From China & Japan to the Present“ war in zwei Teile untergliedert: 1. das Konzept der Steinverehrung in China und in Japan, wobei die lange Geschichte im Vordergrund stand, und 2. Die Steinverehrung im Westen (= Länder außerhalb Asiens), d.h. in verschiedenen Teilen der Erde. Zu den ältesten überlieferten Schriften, in denen Gebirge und einzelne ungewöhnlich geformte Steine erwähnt werden, gehört „Classic of Mountain and Seas“, ein Kompendium über Mythologie, die Menschen und ihren Glauben. Die erste Blütezeit (Golden Age) der Steinverehrung in China war während der Tang- (618—907) und Song-Dynastie (960—1279). Die zweite Blütezeit war während der Ming- (1369—1644) und Qing-Dynastie (1644—1911). Die dritte Blütezeit liegt in naher Vergangenheit seit den 1980er Jahren, insbesondere aber seit ungefähr 2000 bis heute. In der chinesischen Literatur finden sich viele Essays und Gedichte über besondere Steine. Im Yunlin Shipu (Steinkatalog) (1126—1130) werden die klassischen Kriterien für die Stein- verehrung genannt: Shou—schlank und elegant, Zhou—interessante Oberflächenstruktur mit Unebenheiten und Furchen, Lou—mit Höhlen und Durchbrüchen, Tou—Öffnungen bzw. Durchbrüche, durch dieWind oder Licht hindurchströmen           können, Gu—Zeichen des Alters. Die bekanntesten der sogenannten Gelehrtensteine waren   Lingbi-, Taihu-, Ying– und Kun-Steine. Während der zweiten Blütezeit waren es besonders die Gelehrten, die Steine gesammelt haben. Außerdem weitete man das Sammeln auf weitere Steinarten aus. Nach dem Fall der Qingdynastie und dem Beginn der Volksrepublik China (1949) gab es wenig Fortschritte in der Steinverehrung. Heute kann man von einer Wiederbelebung und Weiterentwicklung der Steinverehrung sprechen. Es sind viele Gesteinsarten dazugekommen, wie z. B. die beliebten Gobisteine, die reich an Silikat sind. Zur Beurteilung von Steinen werden heutzutage sowohl in China als auch in Japan vergleichbare Kriterien angewandt: Form, Farbe, Textur bzw. Oberflächenbeschaffenheit, Material, Gesamteindruck von Stein und Sockel bzw. Schale. In Japan dominieren Land-schaftssteine, häufig Berge bzw. Gebirge von einfacher Form und dunkler Farbe. Figürliche Steine sind seltener. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu einem kulturellen Austausch zwischen China und Japan, wobei China großen Einfluss auf Japan nahm. So übernahmen die Japaner die Kanjischrift, Kalligraphie, Gebräuche wie die Teezeremonie, Penjing (Bonsai) u.a.m. Im 6. Jahrhundert kam der erste Suiseki nach Japan, ein Geschenk des chinesischen Kaisers an die japanische Kaiserin. Die Beschäftigung mit schönen Steinen blieb in Japan aber einer Minderheit vorbehalten. Zenmönche, Kulturträger im mittelalterlichen Japan, schrieben über bonseki. In der Edozeit war die Ausstellung von Steinen in Schüsseln (bols) üblich, was jedoch ganz aus der Mode gekommen ist. In der Edo– und Meijizeit (1868—1912) wurden Steine in Schalen ohne Sand gelegt, was heutzutage nur noch selten zu sehen ist. Im 20. Jahrhundert wurden bis 1960 im Meijischrein, Tokyos wichtigster Shinto-Schrein, Bonsai zusam- men mit Suiseki ausgestellt. 1961 wurde die Nippon Suiseki Association gegründet. Seitdem finden jährlich Suiseki-Ausstellungen (ohne Bonsai) im Meijischrein statt. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal während der Kokufu Ten (Bonsaiausstellung) im Metropolitan Art Museum in Tokyo auch Suiseki ausgestellt, wenngleich in getrennten Räumlichkeiten von den  Bonsai. Im Westen (USA, Europa) wurde erst im 20. Jahrhundert die Suisekikunst bekannt. Sie bleibt immer noch auf einen kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt. In den Bewertungskriterien lehnt man sich an das asiatische Vorbild an. *******************************************************************
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